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Wie entsteht Stress?2018-12-06T14:27:07+00:00

Die Ursachen und physiologischen Grundlagen von Stress

Was passiert im Körper des Menschen bei kurzfristigem, gemeisterten Stress?

Eine gelegentliche, kurze Belastung ist für den menschlichen Körper erst einmal nichts Schlimmes, sondern durchaus förderlich. Gemeisterte Herausforderungen sind ein Erfolgserlebnis und erweitern unsere Kompetenzen. Dies hinterlässt ein positives Gefühl.

Wenn man die Entwicklungsgeschichte des Menschen betrachtet, wurde Stress in früheren Zeiten vor allem durch körperliche Bedrohungen ausgelöst – und darauf ist unser Organismus noch bis heute programmiert: Um schnell in Sicherheit zu sein, schaltet der Körper in wenigen Millisekunden durch Impulse aus der Amygdala an den Nervus sympathicus auf die Stressinnervation um. Der Nervus sympathicus sorgt in der Nebennierenrinde augenblicklich für die Ausschüttung der Stresshormone Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin. Durch dieses körperliche Stressprogramm ist der Körper bei Gefahr, je nach Situation, blitzartig auf „Flucht“, „Kampf“ oder „Totstellreflex“ gepolt und mit Energie und Sauerstoff versorgt. Zur Rettung in der Wildnis ist diese körperliche Vorbereitung überlebenswichtig.

Unter kurzfristigem Stress beruhigt sich der Organismus aber automatisch wieder, sobald die Bedrohung überwunden ist. Dann schaltet er über den Nervus parasympathicus auf Ruheinnervation um. Die Ausschüttung der Stresshormone wird beendet und die Entspannung setzt ein. Dies hat Abschalten, Regeneration, Zufriedenheit und eine förderliche kreative Pause zur Folge.

Wie verlaufen Informationsverarbeitung und Emotionen unter stärkerem Stress?

Kann eine körperliche oder emotionale Information im limbischen System nicht augenblicklich und vollständig verkraftet werden, wird die Umwelt als Bedrohung wahrgenommen und der Körper ist wie gesagt, blitzschnell auf die Optionen „Flucht“, „Kampf“ oder „Erstarren“ vorprogrammiert. Dieser Vorgang ermöglicht eine schnellere körperliche Reaktionszeit, verändert aber auch entscheidend unser gesamtes Empfinden: Ein Zustand des Schwarz-Weiß-, des Freund-Feind-Erlebens setzt ein. Das passiert deshalb, weil die Großhirnrinde, die alle Informationen später als das limbische System erhält, für das schnelle Überleben im Weg ist, daher ist ein bedachtes “Abwägen” und ein nachdenkliches “sowohl als auch” im Angesicht der Bedrohung nicht mehr möglich.

Durch die Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol wird die Leistung einer der beiden Hemisphären und die Kommunikation der beiden Hemisphären blockiert, damit der Organismus Reaktionszeit spart. Jedoch wird die Situation dadurch nicht mehr unter dem Einfluss all unserer Fähigkeiten gelöst. Das ist unter einer körperlichen Gefahr auch nicht hilfreich, denn z. B. Diplomatie, eine Fähigkeit aus unserem Großhirn, nützt im Angesicht des Tigers nichts. In unserer Umwelt mit psychosozialem Stress wäre Diplomatie aber oft hilfreich. Sicherlich kennen Sie die Erfahrung, dass Sie sich nach einem wichtigen Gespräch manchmal ärgern, weil Ihnen erst hinterher ein richtig schlagfertiger Satz eingefallen ist – als die Aufregung vorbei war.

Das heißt: Unter dem Einfluss der Stressinnervation und der Stresshormone bleibt jeweils nur die charakterlich bevorzugte Hemisphäre aktiv. (Daher sind wir zwar körperlich kampfbereit aber geistig nicht so schlagfertig wie sonst.) Welche Hemisphäre dies ist, lässt sich relativ gut erkennen: Kopfmenschen („Links-Hirnige“) sind unter Stress eher sprach- und handlungsfähig, verlieren aber das „große Ganze“ aus dem Blick. Sie wirken verhältnismäßig kalt, handeln eher stereotyp, humorlos und unkreativ. Bauchmenschen („Rechts-Hirnige“) hingegen behalten alles im Blick, aber verlieren den Faden und sprechen in Stresssituationen eher zusammenhanglos, sind planlos und hektisch, und sie stecken wegen Überforderung auch gerne mal den Kopf in den Sand.

Was ist der Nachteil der Steinzeitlichen Stressantwort?

Die Tatsache, dass bei allen Menschen zeitweilig nur eine der beiden Gehirnhälften arbeitet, ist per se nichts Negatives. Denn nur durch die Einsparung kann eine schnellere körperliche Rettungsaktion erfolgen. Der Nachteil liegt vielmehr in unserer Umwelt begründet: Sie beinhaltet durch die Menschenmassen, in denen wir leben, durch den Straßenverkehr, die permanente Beleuchtung und den Lärm sowie die vielen Medien eine andauernde Reizüberflutung, die aber in den Industriegesellschaften „normal“ geworden ist. Diese stetige Forderung unserer Sinne überreizt uns und senkt so die Schwelle für das Umgeschaltetsein auf Stressinnervation.

Ausserdem ist in unserer Umwelt eine körperliche Bedrohung, die körperlich durch Flucht oder Kampf gelöst werden kann, eher selten. Der psychosoziale Stress hingegen, der so nicht gelöst werden kann, ist typisch in unserer Lebenswelt. Dadurch bauen wir die Stressinnervation inklusive der Stresshormone nicht genügend mit Bewegung ab. Einfach weil sich unsere typischen Stress-Themen nicht durch körperliche „Flucht“ oder durch „Kampf“ lösen lassen. Deshalb bleibt der Körper häufig dauerhaft unter dem Einfluss der Anspannung und der Stresshormone. Die Folge: Wir können immer schlechter entspannen und geraten immer schneller in Stress. Dauerhafter Stress versperrt dem Menschen durch die Beeinträchtigung der Leistung der Großhirnrindentätigkeit die Weitsicht.

Dauerhafter Stress engt die Wahrnehmung und die Verarbeitung von Informationen ein. Wir können unter Stress zwar mit der Faust gut zielen, aber unsere Informationsverarbeitung schaltet quasi auf „Autopilot“. Dies ist für eine komplexe soziale Interaktion nicht förderlich und wir bekommen die Probleme nicht so gut in den Griff – was erneut Stress verursacht. Zusätzlich bleiben ungelöste psychosoziale Stresserlebnisse im limbischen System hängen, sie werden nicht vollständig verarbeitet und als stressneutrale Erinnerung im Langzeitgedächtnis in der Großhirnrinde abgelegt. Dieser unverarbeitete Stress im limbischen System löst weiter Stress aus, sobald diese früheren Erlebnisse durch neue ähnliche Erlebnisse getriggert werden. Deshalb sind Austausch und Zusammenarbeit beider Hemisphären entscheidend, damit Stressmomente unserer Umwelt nachhaltig aufgelöst werden können.

Wie entsteht strapaziöser Stress?

Unguter Stress entsteht immer dann, wenn eine Belastung des Körpers oder des Selbstwertes wahrgenommen wird, die nicht aufgelöst werden kann. In diesem Fall wird die Belastung als unangenehm, überfordernd oder sogar bedrohlich bewertet.

Hier einige Beispiele:

  • Kälte, Hitze, Hunger, Durst, Mangelernährung, Reizüberflutung, Schlafstörungen, Überarbeitung
  • Schadstoffe in Luft, Wasser, Nahrungsmitteln, Kleidung, Baumaterialien, Gegenständen; Strahlung
  • Krankheitserreger, Allergene, chronische Erkrankungen, Schmerzen, Unfälle, Operationen, Süchte
  • Gewalt, Trauma, Krieg, Katastrophen, Wirtschaftskrisen
  • Chronische Konflikte in der Beziehung oder Familie; Trennung, Scheidung, Todesfälle, ungewollte Kinderlosigkeit, Einsamkeit, Schuldgefühle
  • Misserfolge, Erwartungshaltungen, Perfektionismus, Ängste
  • Zeitmangel, Termindruck, Mobbing, Kündigung, Verluste, Schulden, Armut

Warum sind wir so oft gestresst?

Den Menschen fehlt es heute an echten und tiefen Ruhephasen. Der Wechsel der Innervation über Nervus sympathicus (Anregung) oder Nervus parasympathicus (Ruhe) sollte im Idealfall ausgeglichen sein. Wer jedoch stets nach dem Motto „Schneller, höher, weiter“ lebt oder leben muss, schafft es meist nicht, hier für eine wohltuende Balance zu sorgen. In der Stressinnervation fällt es uns schwerer, gut für uns zu sorgen, als im Normalzustand, denn im Stress ist unsere Wahrnehmung auf die Kontrolle der Aussenwelt fixiert. Wir haben uns selbst nicht richtig im Blick. Da wir im „Überlebenskampf-Modus“ feststecken, bewerten wir freudvolle Mußestunden und innere Einkehr als relativ unwichtig.

Und nicht zu vergessen: Unsere Umwelt produziert Stressinnervation auch dadurch, dass unsere Sinne durch Reizüberflutung überfordert sind. Auch deswegen können wir immer schlechter „runterfahren“. Ist die dauerhafte Stressinnervation erst einmal aktiviert, reichen oft immer kleinere Reize, um die Aktivierung in Gang zu halten. Fazit: An die primär psychosozialen Stressoren und die Fülle an Reizen in unserer Umwelt ist die steinzeitliche Stressreaktion unseres Organismus nicht gut angepasst.

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